Umkämpfter Auswärtssieg in Oldenburg


Nachdem unsere Erste im Vorjahr zum Saisonauftakt klar in Oldenburg gewinnen konnte, war heuer die Hoffnung groß, erneut beide Punkte abzuholen, obwohl der Gastgeber in der 1. Runde mit einem überraschenden Sieg beim starken Aufsteiger Lüneburg für Aufsehen gesorgt hatte. Entsprechend konzentriert fiel die Vorbereitung aus, aber nach dem Startschuss kam einiges anders, als wir erwartet hatten.

Nach drei Stunden dann das ernüchternde Fazit: leichte Vorteile an Brett 3 (Röchrich-Meesen), dafür Probleme an den Brettern 6, 7 und 8, die sich zum Teil als Stellungsnachteil abzeichneten, zum anderen aber auch auf exzessiven Zeitverbrauch zurückzuführen waren.


Gudat (Oldenburg) – Hart (l.)

Ausgerechnet der lange sehr kritisch stehende Martin Hart bewies enormes Standing, als er den zu schnell spielenden Alfons Gudat mit einem tückischen Mattangriff zur Aufgabe zwang. Gudat hatte die Eröffnung und weite Teile des Mittelspiels sehr stark behandelt, nahm aber ausgerechnet in der kritischen Phase nichts von seinem gewaltigen Zeitpolster, um den Gegenangriff zurückzuweisen. Das war glücklich für uns, aber es war auch ein wenig das Glück des Tüchtigen, denn Martins Angriff war recht durchdacht und keineswegs ein substanzloser Mogelversuch.

Als wenig später Stefan Röhrich gegen den (wieder einmal) gegen Hellern stark spielenden Max Meesen nach einem Einsteller die Segel streichen musste, hatten wir das freundliche Gastgeschenk angemessen erwidert.

Kurz vor der Zeitkontrolle erwischte es dann den Oldenburger Nachwuchsspieler Benjamin Kluin, der gegen Franz Ernst extrem viel Zeit für eine leicht bessere Stellung investiert hatte und danach natürlich nicht mehr über die Ressourcen verfügte, um mehr daraus zu machen. Die 2-1-Führung bedeutete aber noch recht wenig, da kurze Zeit später an vier Brettern eine Zeitnotschlacht begann.

Drei Partien standen dabei besonders im Mittelpunkt: am Spitzenbrett hatte unser Topscorer Jörg Stock nur einen ideellen Vorteil erzielen können. In der entscheidenden Phase hatten dann beide Spieler nur noch knapp mehr als zwei Minuten für ein gutes Dutzend Zügen auf der Uhr und der bis dahin hervorragend spielende Jan Wagner ließ zum Glück das greifbare Remis liegen.


Stock – Wagner

Schwarz hatte zuletzt 34…Sc4xa5 gespielt und wohl 35.Sxa6 Te8 36.Sc5 Te7= erwartet.


35.Tg4+!!+ Jörg entkorkte einen Hammerzug, auf den keiner gekommen war. 35...Kh8 36.Sd7 Nun muss Schwarz den e-Bauern aufhalten UND das Matt auf g8 decken, was schlicht und einfach unmöglich ist. Ein Zauberfinale! 36...Tg8 [36...Te8 37.Sf6!; 36...Tc8 37.e7 Sc4 38.Tf4 (38.Sf6!? Sd6 39.Kf2 h5 40.Tg6+-) 38...Te8 39.Tf8++-] 37.e7! Te8 38.Sf6 1–0 Das war natürlich spektakulär von Jörg gespielt und gleichzeitig auch die Vorentscheidung, denn nun stand es nach zwischenzeitlichem Remis am 2. Brett (Warns - Niendieker) bereits 3,5 – 1,5 für uns.

Als nach der Zeitkontrolle unser 8. Brett Jürgen Grosser gegen den energisch spielenden José Teixeira die Uhr anhalten musste, konnten die Gastgeber noch einmal verkürzen, aber eine Gewinnstellung an Brett 4 und deutliche Vorteile an Brett 5 sprachen für uns und damit eigentlich für ein gutes Ende. Dabei ist ‚eigentlich’ ein Unwort, das eher die möglichen Katastrophen ankündigt als sie zu unterdrücken. Zum Glück gab es aber keine derartigen Reinfälle mehr.


Die Entscheidung: Elbern (Oldenburg) – Bade (l.)

Hajo hatte mit seiner flexiblen Antwort auf den königsindischen Angriff überraschend schnell eine positionelle Gewinnstellung auf dem Brett, nachdem sein Gegner unnötigerweise einen Springervorposten im eigenen Lager provoziert hatte. Als in der Zeitnotphase noch eine „Qualle“ fiel, schien alles entschieden zu sein, aber der Oldenburger wehrte sich mit Zähnen und Klauen und zauberte noch die eine oder andere Überraschung aufs Brett, was aber nicht half. Hajo wickelte mit Bärenruhe alles ab und ließ sich auf keine taktisch verlockenden Kunststücke für die Galerie ein.

Damit war der Gesamtsieg perfekt!

Im Hintergrund lief zu diesem Zeitpunkt noch die Partie zwischen Jan Wöllermann und Sascha Mader, unsere stille Reserve.


Aufregendes Turmendspiel: Jan Wöllermann (l.) – Mader (Oldenburg)

Unser Rookie entschied sich für eine streng positionelle Spielanlage und nach dem raschen Damentausch wurde endlos laviert und geschoben, ohne dass eine Seite etwas Greifbares erreichen konnte. Erst als Mader sich für einen zweifelhaften Läufertausch entschied, kippte die Partie und Jan erreichte ein Turmendspiel mit gesundem Mehrbauern.

Woellermann,Jan - Mader]

Jan hatte zuletzt 61.Td7-b7+ gespielt.



Nach diesem Zug durfte man gespannt sein, weil Weiß damit ein entscheidendes Tempo gewinnt, um den h-Bauern voranzutreiben. Schauen wir einmal, ob die Rechnung auf geht. 61...Ka2 62.h5 [Der Vorschlag eines Oldenburger Oberligaspielers, dass nach 62.Tc7 Weiß ein weiteres Tempo gewinnt, weil der König anschließend einen Zug benötigt, um nach b2 zu gelangen, faszinierte uns, ist aber leider nicht korrekt: 62...Kb3 63.h5 c3 64.h6 c2 65.h7 Txa7! ist die traurige Pointe: (65...Kb2?? 66.h8D+-) 66.Txa7 c1D 67.h8D Dg1+ 68.Kf7 Dxa7+ 69.Ke6=] 62...c3 63.h6 c2 64.Tc7 Kb2 65.h7 c1D 66.Txc1 Txa7+ 67.Kg8 Txh7 68.Kxh7 Kxc1 Gute Partie von Jan, der bis zum letzten 'Knopf' kämpfte. ½–½



Fazit: schwere Kost in Oldenburg. Die kampfstarke Truppe des Gastgebers verfügt über einige sehr gute Schachspieler und tritt zudem auch noch kampfstark auf. Umso zufriedener waren wir, als wir mit den hart erkämpften Punkten die Heimfahrt antreten konnte. Einige Wochen darf sich unsere Erste nun an den ersten Tabellenplatz gewöhnen, dann folgen die nächsten schweren Aufgaben.

Dr. Ortwin Thal, 6. November 2008