Auf und Ab in der Landesliga
Hellern hat wieder eine Handbreit Wasser unter dem Kiel
Nach dem 8. Spieltag der Landesliga Nord könnte man das Phrasenschwein mühelos zu Tode füttern. Lachen und Weinen liegen nah beieinander oder Morgens noch auf stolzen Rossen, abends durch den Kopf geschossen beschreiben zwar irgendwie das verrückte Auf und Ab beim Streit um die Tabellenführung, sollten aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Sinnsprüche janusköpfig sind und oft auf den zurückfallen, der sie abgesondert hat. Zwar reagiert man nicht emotionslos, wenn der Konkurrent Punkte einbüßt, aber genau das Gleiche kann einem mühelos in der letzten, der entscheidenden Runde passieren. Besser, man vergisst es nicht.
Wers etwas literarischer mag, kann auch Brechts Dreigroschenoper bemühen:
Ja, mach nur einen Plan
sei nur ein großes Licht
und mach dann noch 'nen zweiten Plan
gehn tun sie beide nicht.
(Bertolt Brecht)
Gerade Schachspieler sollten mit diesem Irrsinn vertraut sein und vielleicht ist alles nur Zufall und am Ende werden die Punkte gezählt und wenn man viereinhalb hat, dann darf man sich freuen. Worüber man sich aber freuen darf, ist die nunmehr unumstößliche Tatsache, dass das Osnabrücker Schach wieder einmal einen beachtlichen Höhenflug zu verzeichnen hat, denn dass ein Osnabrücker Team im nächsten Jahr in der Oberliga antreten darf, gilt als sicher.

Das Heimspiel gegen den Stader SV darf man mit Fug und Recht als spannend bezeichnen. Allerdings wird der Erlebniswert zunächst getrübt, wenn der Gegner glanzvoll in Führung geht. Als Außenseiter gestartet zerpflückte Maxim Samarin die Rochade seines Gegners H.-J. Bade, was Hajo zu einer Idee inspirierte, die sich hoffnungsvoll an einen taktischen Streich erinnerte, die Schachgeschichte geschrieben hat:
Wer es genauer wissen will, lese bitte nach unter http://de.wikipedia.org/wiki/Adams_-_Torre,_New_Orleans_1920.
In der Diagrammstellung hatte der Stadener 27.Le3-d2 gespielt, worauf sich Hajo an das berühmte Vorbild erinnerte und dem Weißen die vermeintliche Schwäche der Grundlinie vor Augen führen wollte.

Und somit geschah 27
Te2, was schlichtere Gemüter zum sofortigen Abgreifen des Turms veranlasst hätte. Nicht jedoch der Stadener. Er sicherte seinen zweiten Saisonsieg mit der eleganten Riposte 28.Lh6! um nach 28
Sc7 den flotten Turmzug des Nachziehenden als Einsteller zu demaskieren: 29.Dg7+!! Sehr hübsch, aber nicht lustig.
Nach Siegen von Peter Kovermann (gegen M. Catrais) und Martin Hart (gegen Matthias Carmesin) war das lecke Boot wieder flott gemacht.

Mit 13 Jahren schon in der Landesliga: Matthias Carmesin musste der Erfahrung Tribut zollen. Rechts Martin Hart.

Einfach war die Wende im Match nicht, wie ein weiteres Partiefragment zeigt.
In der Partie Kovermann Catrais (s.o.a Foto)

hätte der Stader seine fünfte Saisonniederlage durchaus vermeiden können, wenn er nicht 25...Lxd3 gespielt hätte.
Der Ausgleich war mühelos und mit einfachen Zügen zu haben: 25...Tc3 26.Dd2 Db6 27.Lxb5 Dxb5 28.Tfc1 Tfc8 29.Sd3 Lf8 30.Sc5 e6= 26.Sxd3 Tc3 27.Dd2 Db6 28.Sc5 Peter hat nun unter wesentlich besseren Vorzeichen seinen Vorposten - und es droht auch etwas Taktisches! 28...Td8?? Oupps, schon ist es passiert. Besser war 28...Dc6 29.a3 a5 30.axb4 axb4 31.Ta6² 29.Sa4+- Dc7 30.Sxc3 bxc3 31.Dd3 e6 32.Tac1 Da5 33.Dxc3 Dxa2 34.Dc7 Tf8 35.Dd7 Dxb3 36.Tc7 Lh6 37.Dxh7# 10
Nachdem Stephan Niendieker gegen den rekordverdächtigen GM h.c. Arend Brümmel (Turnierleistung knapp unter 2700) verloren hatte, waren drei Dinge eigentlich ziemlich klar: 1) Niederlagen nerven, 2) es steht 2-2, 3) der Wettkampf ist entschieden. Für Letzteres sprach allein die Tatsache, dass die verbliebenen vier Akteure des Gastgebers allesamt auf Gewinn standen, sodass nur die Höhe des Gewinns Neugier erregte. Zwei Spieler taten sich in dieser Phase besonders hervor: Jan Wöllermann holte gegen Bernd Micheel seinen zweiten Saisonsieg (eine ziemlich klare Angelegenheit, obwohl unser Youngster etwas in Zeitnot kam) und Stefan Röhrich spielte eine seiner nicht seltenen Glanzpartien.

Dirk Hilck hatte die Partie zunächst mit brachialer Gewalt angelegt und sich durchaus nennenswerte Chancen erarbeitet, die aber allesamt im Variantenberg der Post-Analyse verschwanden. Stefans Konter fiel dann ruppig aus: Unser drittes Brett schraubte dem Stadener zwei Leichtfiguren für den Turm ab und durfte anschließend seine Technik unter Beweis stellen. Sein Gegner warf sich inzwischen auf den Königsflügel und bediente sich bauernfressend auf der 7. Reihe. Für den ausführenden Turm ein Selbstmordkommando und es war schon sehenswert, wie Stefan in der Diagrammstellung den weißen Turm einfing:
43
Kf8!! Wesentlich stärker als der Rybka-Zug. Den Zug muss man der Engine erst mal zeigen, dann schnellt die Bewertung auf +3.53 hoch. Technisch fabelhaft gespielt. Natürlich ging auch 43...Sf3+ 44.Kf1 Sxh4+ 44.Th7 Kg8 45.Th6 Kg7 45...Sf3+ 46.Kf1 Kg7 47.Tf6 Td4 48.Th6 Sh2+ 49.Ke1 Te4+ 50.Kd1 Sg4+ führt zum gleichen Resultat wie in der Partie. 46.Tf6
46.f3 befreit scheinbar den eingeschlossenen Turm, aber Stefan kann in ein einfach gewonnenes Endspiel abwickeln. Nur eines von vielen Abspielen ist hier 46...Td3 47.Ta4 Sxf3+ 48.Kf2 e5 49.Tf6 Sxh4 50.Ta7 Tf3+ 51.Ke1 Sfg2+ 52.Ke2 Txf6 53.gxf6+ Kxf6+] 46...Sd5 47.Th6 Sg4 48.Th5 Sf4 49.Ta4 Sxh5 50.Txg4 Kg6 51.Ke2 Kf5 52.Tg1 Sf4+ 53.Ke1 Ta7 54.Tg3 Ta1+ 55.Kd2 Ta2+ 56.Ke1 e5 57.Tf3 e4 58.Tb3 Sd3+ 59.Kf1 Txf2+ 60.Kg1 Tb2 61.Ta3 Kg4 62.Ta7 Kg3 63.Txf7 e3 Der aufopfernd kämpfende Stader wollte sich das Matt nun nicht mehr zeigen lassen: 63...e3 64.g6 Tg2+ 65.Kh1 (65.Kf1 e2#) 65...Sf2+ 66.Txf2 exf2 67.g7 f1D# ½½

Techniker oder Taktiker? Am besten ist, man kann beides: Vierter Saisonsieg für Stefan Röhrich (l.)
Den Matchsieg erledigte dann Jörg Stock am 1. Brett. Sicher hätte Jörg gerne seine Partie gewonnen, aber der bislang nicht gerade erfolglos spielende Stader ließ sich auch von einem Qualitätsverlust nicht beeindrucken und trickste mit Springer und Freibauer, was das Zeug hielt. Jörg hatte in knapper werdender Zeit nicht das Glück, den lucky punch zu setzen und musste sich am Ende sogar noch zu einem Dauerschach aufraffen, um Schlimmeres zu verhindern. Dies erledigte er mit einem Zauberzug, der alle Kiebitze ratlos und mit offenem Mund über den weiteren Fortgang rätseln ließ.

Nordorp Stock: Hoher Unterhaltungswert mit Zauberzug am Spitzenbrett.
Der Einzige, dessen Humor etwas strapaziert wurde, war am Ende Franz Ernst, der seinen Gegner mit einem Mehrbauern auf der Habenseite fast sechs Stunden knetete, aber mit Gewalt gewinnen wollte. Man kennt das ja: Am Ende kassiert der Gegner den Punkt, und dass nur mit Geduld und Leidensfähigkeit. Und so füttere ich am Ende noch einmal das Phrasenschwein: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.
Auf jeden Fall haben uns die Stader einen tollen, sportlichen Kampf geliefert. Mit ihnen und ihren jungen Talenten ist in Zukunft zu rechnen. Und was das Saisonfinale betrifft
: Abwarten und Tee trinken! Ich glaube, jetzt ist das Schweinchen satt!

Dr. Ortwin Thal