schach-hellern.de: Hallo Otto. Erstmal herzlichen Glückwunsch zur Vizemeisterschaft in der letzten Saison. Wie sieht Dein persönliches Resümee Deiner Premierensaison als Mannschaftsführer aus? Trauert Ihr nach dem Sensationssieg gegen den haushohen Favoriten Bremen-Nord dem danach möglich erscheinenden Aufstieg nach oder überwiegt eher die Freude über die Vizemeisterschaft?

Thal: Natürlich die Freude. Als ich die Mannschaft übernahm, hatte ich das Ziel, die Truppe in den nächsten drei Jahren wieder ins obere Tabellendrittel der Landesliga zu bringen. Dass dies bereits in der ersten Saison klappte, ist aus meiner Sicht sensationell, zumal wir auf dem Papier eigentlich ein Anwärter für den Abstiegskampf gewesen sind. Insgesamt war die Motivation enorm und einige Spieler haben sich super entwickelt. Außerdem gehörten wir zu den wenigen Mannschaften, die mit hoher Konstanz ihre Stammspieler aufbieten konnten. Andere Mannschaften waren nur auf dem Papier stark und mussten häufig 2-3 Spieler ersetzen.

schach-hellern.de: Mit dem Rückkehrer Peter Kovermann und dem starken Nachwuchsspieler Jan Wöllermann habt Ihr zwei Verstärkungen gewonnen. Kann man diese Saison noch mehr erwarten als den zweiten Platz und was erwartest Du von den beiden?

Thal: Peter besetzt eine wichtige taktische Position im mittleren Brettbereich. Er war statistisch gesehen über die Jahre einer der kompaktesten Landesligaspieler und soll daher die Mittelachse stabilisieren. Jan ist das erste Talent seit Jahren, das relativ schnell den Sprung über die DWZ-1900-Marke geschafft hat. Er soll sich frei von taktischen Zwängen weiterentwickeln und herausfinden, ob er bereits eine Spielstärke im 2000er-Bereich hat. Du hast Reinhold Happe vergessen…da hoffen wir schon, dass er häufiger spielt als in der Vorsaison.
Wenn alles so klappt, wie man das vor der Saison so wünscht, dann kann eine Menge passieren. Mein Ziel ist es, sicher im Bereich der Plätze 3-5 einzulaufen. Eher in Richtung Platz 3…Alles andere ist Spekulation, zumal die Aufsteiger so stark sind, dass sie oben mitspielen können und mit Werder Bremen III wieder eine starke Bremer Mannschaft zu den Topfavoriten gezählt werden muss.

schach-hellern.de: Wer sind Deiner Meinung nach die Aufstiegsfavoriten und welche Mannschaften siehst Du eher am Ende der Tabelle?

Thal: Wie gesagt: Bremen III ist stark, Lüneburg ist ein sehr starker Aufsteiger, Mannschaften wie Verden und Schinkel werden oben mitspielen. Die Teams, die bereits in der Vorsaison in der zweiten Tabellenhälfte waren, werden sich steigern müssen, um besser abzuschneiden. Im oberen Leistungsbereich ist die Landesliga so stark wie in der Vorsaison, unten sind einige Teams geringfügig schwächer geworden.

schach-hellern.de: Du selbst spielst nicht in der Mannschaft, kannst also auf das Spielgeschehen nur indirekt Einfluss nehmen. Dafür hast Du immer alle Partien im Blick. Ist das ein Vorteil und wie genau sehen Deine Aufgaben vor und während der Mannschaftskämpfe aus?

Thal: Ein Mannschaftsführer, der nicht spielt, ist ein Luxus, den sich viele nicht erlauben können oder wollen. Man kann in Ruhe die Figuren aufstellen und Kaffee kochen. Mal im Ernst: die Saisonplanung ist am wichtigsten, während des Wettkampfes hat man wenig Möglichkeiten, in das Geschehen einzugreifen. Man kann im psychologischen Bereich einiges tun und zum Beispiel einem Spieler, der taktisch stark ist, eher dazu ermutigen, die Partie auszukämpfen, auch wenn die Zeit knapp wird.

schach-hellern.de: Denkst Du, dass Du selbst noch mal aktiv ins Geschehen eingreifen wirst oder bist Du mit der Rolle als Mannschaftsführer vollkommen ausgefüllt?

Thal: Persönlich hoffe ich schon, dass keiner unmittelbar vor dem Match krank wird und ich ans Brett muss. Das brauche ich wirklich nicht mehr. Auf jeden Fall macht es sehr viel Spaß, bei der Entwicklung einer Mannschaft mitzuarbeiten und im Organisatorischen neue Ideen zu entwickeln. In der Landesliga ist die Spielstärke bereits so groß, dass man ohne professionelle Strukturen in der Vorbereitung und in der Nachbereitung einfach nicht klar kommt. Ich versuche da einige Ideen zu entwickeln. Vor einem Jahr habe ich gelinde gesagt sehr erstaunte Gesichter gesehen, als ich mit Ernährungstipps für Schachspieler ankam. Diejenigen, die sich daran gehalten haben, gehörten am Ende zu den Besten.
Sehr wichtig ist für mich auch die Zusammenarbeit mit dem Mannschaftsführer unserer Zweiten. Man kann sich auf Dauer nicht weiterentwickeln, wenn zum Beispiel die Zweite in der Bezirksliga spielt und die Spieler den Sonntags-Rhythmus nicht gewöhnt sind. Wenn man als Landesligist keinen Unterbau hat, der dauerhaft auf Verbandsebene spielt, dann kann dies der Anfang vom Ende sein. Dann hat man nämlich irgendwann keine Reservespieler mehr, die den Sonntag opfern wollen. Ist ja auch kein Wunder: Außenstehende, die hören, dass unsere Erste im Extremfall 12-14 Stunden sonntags auf Achse ist, sind in der Regel fassungslos. Die meisten Menschen wissen nicht, was Schachspieler physisch und psychisch leisten müssen.

schach-hellern.de: Vielen Dank für das interessante Gespräch.

(Das Gespräch führte Thorsten Weist)