Schach spielen in Schottland - ein kleiner Bericht
Seit ungefähr anderthalb Monaten bin ich jetzt in Edinburgh und da ich auch hier ein wenig Schach spielen wollte, erkundigte ich mich im Internet nach Vereinen, um wenigstens ab und zu mal eine Partie zu blitzen und auch ein paar Leute kennen zu lernen. Aber wie es in anderen Ländern so ist, ist alles ein bisschen anders, als man sich das vorstellt. Aber lest selbst!
Ich schaute also beim Schachclub Edinburgh University vorbei, obwohl ich wusste, dass der Verein nicht so groß ist. Zum Beispiel gibt es hier einen der ältesten Schachvereine der Welt (Edinburgh Chess Club), der gleichzeitg wohl der größte in der Stadt ist. Allerdings sah ich bei ersterem die besten Chancen, Leute in meinem Alter zu treffen und außerdem ist das Spiellokal direkt um die Ecke. Nach ein paar Blitzpartien gegen etwas schwächere Gegner und kleineren Verständigungsproblemen (siehe unten) fragte mich der Secretary (das ist wohl der inoffizielle Abteilungsleiter), ob ich denn auch in einer Mannschaft spielen wolle. Ich überlegte nicht lange und dachte, warum nicht. Als schließlich der Captain der ersten Mannschaft kam, musste natürlich meine Spielstärke eingeschätzt werden und so blitzte ich schließlich gegen diesen. Dieser hat eine schottische Zahl von ungefähr 1750 (ungefähr vergleichbar mit der DWZ), die allerdings aus einer englischen konvertiert wurde. Die Engländer haben natürlich ein komplett anderes Wertungssystem (sowas wie teile durch zwölf und subtrahiere 150 um von der ELO auf die englische Zahl zu kommen), was mich zumindest nicht überraschte. Zufällig erwischte ich einen guten Tag und gewann komischerweise als eigentlich eher unterdurchschnittlicher Blitzer alle Pariten gegen ihn. Er fragte mich noch nach meiner deutschen Zahl und meinte dann, ich sei gut genug für ein Spitzenbrett in der ersten Mannschaft, und ob ich nicht schon nächste Woche in der Mannschaft spielen wolle. So kam ich also zu meiner ersten schottischen Schachpartie:
Mannschaftskämpfe in Edinburgh sind ein wenig anders und ein aufmerksamer Leser aus dem Osnabrücker Umland hätte wohl schon längst aufgeschrien nach dem Motto: "Ein ausländischer Spieler an Brett 1 und dann noch in fünf Tagen, wie soll das denn gehen?!" Aber auch andere Länder haben ihre Vorteile, Bürokratie ist zum Glück keine Stärke der Schotten, sondern steht hier eindeutig der Spaß im Vordergrund. Ich kam also am besagten Tag ins Spiellokal und es gab auch keine komischen Gesichter bei den Gegnern, als sich ein Unbekannter an Brett 1 setzte. Dieses gab es nur bei mir, als ich mich fragte, ob so ein großes Vertrauen in mich denn wohl gerechtfertigt ist und dann nochmal kurze Zeit später, als ich meinen Mannschaftsführer nach der Bedenkzeit fragte. Ich hatte ja mit vielem gerechnet, aber da muss man erstmal draufkommen: 34 Züge in 85 Minuten + 20 Minuten für den Rest der Partie. So fing ich also an zu spielen und als integrationswilliger Deutscher versuchte ich mich natürlich an der britischen Notation, was mich allerdings anfangs die Hälfte der Konzentration kostete und schließlich mein Partieformular komplett ruinierte. So erkämpfte ich mir schließlich ein Remis, so dass der Mannschaftskampf 3,5:2,5 gewonnen wurde, da parallel an Brett 5 eine abenteuerliche Partie zufälligerweise mit dem selben Ergebnis endete. Somit entgingen wir drei Spieltage vor Schluss möglichen Playoff-Spielen gegen den Abstieg und erhielten uns gleichzeitig eine Chance auf Aufstiegsspiele (siehe Tabelle). Der Mannschaftskampf war Bestandteil der Edinburgh Chess League, Division 1, welche die zweite von vier Ligen in Edinburgh ist.
Natürlich gibt es auch eine schottische Liga, die Scottish National Chess League. Hier spielen wir in der dritten von vier Ligen und stehen einen Spieltag vor Schluss auf dem ersten Platz. Zum sicheren Aufstieg fehlt uns noch ein Punkt gegen einen Abstiegskandidaten. An solch einem Mannschaftskampf teilzunehmen ist ein noch größeres Spektakel, denn alle Spiele in allen Ligen finden parallel in einem Saal statt (das wäre in Deutschland sicherlich ein bißchen schwieriger zu bewerkstelligen...). Dieser wechselt immer und war letztes Mal in Dunfermline, was ca. 40 Kilometer von Edinburgh entfernt liegt und landschaftlich echt sehenswert ist. Es finden zwei Spiele an einem Tag statt - bei einer Bedenkzeit von 30 Zügen/90 Minuten + 30 Minuten Rest der Partie. Hier durfte ich an Brett 2 zeigen, was ich drauf habe, und holte mit etwas Glück und viel Können (oder war es doch andersrum) zwei Punkte aus den beiden Partien, so dass wir zu eben erwähnter Ausgangsposition kamen. Das hat wirklich Spaß gemacht und die Atmosphäre war wirklich super, auch wenn es ziemlich anstrengend war und der Sauerstoffgehalt der Luft im Laufe des Tages gegen null ging.
Alles in allem hat es sich also echt gelohnt, sich hier einem Schachverein anzuschließen. Dieser Schachclub ist zwar kleiner als unserer und auch das Niveau am Spielabend ist schlechter, aber die Gegner bei den Mannschaftskämpfen hatten bis jetzt ungefähr meine Spielstärke und so waren die Partien (auch bedingt durch die extrem verkürzte Bedenkzeit) sehr spannend. Ende März findet hier in Edinburgh ein fünfründiges Turnier statt, an dem ich mal teilnehmen und von dem ich dann berichten werden.
To be continued...
Thorsten Weist
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